Reetdachdecker gibt es in den Ländern an der Nord- Ostsee seit dem Ende der letzten Eiszeit, als der bis dahin nomadisierende Sammler begann, zunächst an den Ufern und Gewässern seßhaft zu werden. Die ersten von ihm stationär gebauten, sicherlich noch gebrechlichen Hütten bedeckte er zum Schutz gegen die Klimafaktoren Niederschlag, Wind und Sonnenstrahlung mit Reet. Er begriff damals schon instinktiv: Es gibt nichts besseres.

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Seitdem sind viele 1000 Jahre vergangen und das Reetdach hat alle Entwicklungen der Menschen in unserem Lebensraum er- und überlebt. Besonders in den 50er bis 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden viele Reetdächer abgerissen und mit neuen Werkstoffen, wie Wellpappe- oder Wellasbestzement-Platten umgedeckt. Daß die Gesundheitsgefährdung bei alten Asbestplatten so hoch war, wurde leider erst sehr spät entdeckt. Aber auch die nicht zu verkennende Feuergefährlichkeit eines Reetdaches, sowie die etwa zwei- bis dreifachen Kosten einer Neueindeckung zu Pfannen und auch die teureren Versicherungsprämien ließen so manches Reetdach verschwinden.

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Heute aber ist und lebt der Mensch wesentlich gesundheitsbewußter, ist aufgeklärter und somit hat auch das Reetdach wieder seinen Stellenwert gefunden. Fest steht: ein Reetdach ist regensicher, schneedicht, frostbeständig, diffusionsfähig, atmungsaktiv, luftfilternd, staubsicher, reguliert die Feuchtigkeit des Hauses und ist frei von Kondensatbildung infolge von Wasserdampf-diffusionen. Ein Reetdach ist absolut frei von chemischen Zusatzstoffen. Unter einem Reetdach ist es im Winter warm und im Sommer kühl. Weitere Vorteile ist die hohe Lebensdauer eines Reetdaches, man wohnt biologisch gesund unter dem Reetdach und architektonisch ist ein Reetdach auch im Detail elegant. Insofern erfreut sich das Naturdach Reet wieder zunehmender Beliebtheit.

Das individuelle Erscheinungsbild eines jeden Gebäudes wird vom Dach geprägt. Baustil und Dach werden zunehmend Ausdruck einer inneren Überzeugung, wobei kein Dach so viel individuellen Ausdruck besitzt wie das Reetdach. Jedes einzelne Reetdach ist ein Unikat und behält auch im Alter seine Würde und Ausstrahlung. Es eignet sich hervorragend, einem schönen Haus ein unverwechselbares Erscheinungsbild zu geben. Ein gemütliches Reetdach, das ein Gebäude wie ein wärmender Mantel bedeckt, scheint schon auf den ersten Blick eine einladende Wärme auszustrahlen. Außerdem strahlt ein intaktes und gepflegtes Reetdach Behaglichkeit und Gemütlichkeit aus.

 

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Im Laufe der Jahrtausende hat sich die Technik des Reetdeckens im westlichen nur durch das Handwerksmaterial geändert. Vor Jahrhunderten erfolgte die Befestigung mit Weiden und Haselnußgerten. Diese Bindungen werden heute mit Niro-Bindedraht hergestellt. Das Reet wird schichtweise auf das Dach aufgelegt und Latte für Latte genäht oder gebunden. Das Handwerkszeug eines Reetdachdeckers besteht im wesentlichen aus: Deckerstühlen, Stecker, um das Reet vor dem Binden gegen abrutschen zu sichern, dem Nadelbesteck (gerade Nadel, dann mit Gegennäher, oder gerade und gebogene Nadel, dann ohne Gegennäher), mit dem Klopfbrett, „de Drief “ , werden die geöffneten Reetbunde in Dachform gebracht und dann gebunden. Das Reet wird also nicht zugeschnitten. Ein fertiges Reetdach ist an der Traufe 35 cm und am First 30 cm dick. Ein Quadratmeter wiegt etwa 60 kg.

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Für einen Quadratmeter werden etwa 12 Bund handelsüblicher Ware zum Preis von ca. 3,40 Euro benötigt. Für einen Quadratmeter rechnet man pro Mann eine Stunde Arbeitszeit. Daher kommt auch der im ersten Augenschein hohe Einstandspreis, aber die Vorteile lassen sich nicht von der Hand weisen. An der Wetterseite hält ein Reetdach etwa 40 Jahre, an der windgeschützten Seite kann ein Reetdach auch wesentlich älter werden.

 

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